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Aufstieg und Fall einer Pop-Diva
Ein Misserfolg war das Comeback von Michael Jackson keineswegs. Es lief nur anders als geplant. In diesen Tagen, da er in Los Angeles zur letzten Ruhe finden soll, kehrt Whitney Houston triumphal von dort zurück. Die beiden hatten sich den Ruhm der 80-er geteilt, sich aber anschließend nach Kräften unter öffentlicher Anteilnahme ruiniert. In London hinterlässt der König frei gewordene Konzerttermine, bis ins Jahr 2010 hinein.

Quelle: Berliner Morgenpost
Art der Quelle: Online
Autorin: Michael Pilz
Datum: 28.08.2009
Anlass: Albumveröffentlichung am 28. August 2009
Ton: neutral


Statt Michael Jackson will der örtliche Veranstalter nun Whitney Houston wieder auf die Bühne stellen. Und es sieht so aus, als sei die Sängerin dazu imstande.Anzeige

Erst hat Whitney Houston sich wieder in Form gebracht, dann eine überzeugende Platte aufgenommen und zuletzt Audienzen in Hotels gewährt, um ihre neuen Lieder und sich selbst in prächtiger Verfassung vorzustellen. In Los Angeles wurde "Das Warten hat ein Ende!" an die Wand gebeamt, und Stevie Wonder brach in Tränen aus. New York erlebte sie gemeinsam mit der Mutter, Cissy Houston, einer Gospelsängerin, die schon mit Elvis Presley sang. Die reumütige Tochter sagte: "Mama war es leid, das Radio anstellen zu müssen, wenn sie ihre Whitney singen hören wollte."

Im Leopardenkleid in London

London kam sogar in den Genuss einer enthemmten Plauderei. Im Leopardenkleid schilderte Whitney Houston, wie ihr anfangs ein Comeback eher ungelegen kam, die Pläne ihres Ruhestands durchkreuzte, sie aber an die Verantwortung erinnerte, für ihre Tochter und sich selbst. Das Vorhaben, auf einer Insel Beeren anzubauen, verwarf sie. Dafür nahm sie sich wieder einen Gesangslehrer und fand sich pünktlich zu den Sitzungen im Studio ein. "Ich bin erleichtert, wieder da zu sein!" rief sie in London und entbot den Siegesgruß wie Michael Jackson früher vor Gericht. "Und ich verspreche allen: So schnell gehe ich nicht wieder weg." Die Gründe ihrer langen Schaffenspause fasste sie zusammen mit den Worten "negative Schlagzeilen".

Damit tritt Whitney Houston in die dritte Phase einer eigenwilligen Karriere ein. Die erste Phase war bestimmt von Fleiß und Ehrgeiz, Leistung, Tugend und Erfolg. Die Mutter förderte sie, schickte sie zur Mädchenschule in New Jersey und zum Gospelchor, den die Baptistin Cissy Houston leitete. Als Patentante sorgte sich Aretha Franklin um sie. Whitney half bereits als Minderjährige bei Aufnahmen der Neville Brothers, und wenn es mal nichts zu singen gab, posierte sie als Titelmädchen für ein Teenie-Magazin. Mit Jermaine Jackson sang sie im Duett.

Eine stets makellose Sängerin

Angeblich sprach Clive Davis von Arista Records sie in einem Club an, als sie 20 war. Der Förderer von Janis Joplin und Bruce Springsteen wird im Hause Houston nicht ganz fremd gewesen sein. Er sorgte 1985 für ihr erstes Album "Whitney Houston". Als zwei Jahre später "Whitney" folgte, war sie bereits eine Marke wie McDonalds oder Pepsi. "Saving All My Love For You" führte zu eine Serie von sieben Nummer-Eins-Hits in Amerika. Ein ewig gültiger Weltrekord.

Bemängelt wurde in den Achtzigerjahren lediglich, dass niemals Mängel zu erkennen waren. Weder an ihr selbst noch in ihren Gesängen. Hatte sich der Soul der Siebziger geschäftsschädigend aufgeheizt mit Sex und Politik, kam er gesäubert in die Auslagen zurück und Whitney strahlte einem züchtig von den Hüllen der CDs entgegen. 1992 spielte sie in ihrer ersten Filmrolle, in "Bodyguard", nicht ohne Reiz ein singendes Stalking-Opfer. Hinterher beklagte sie, dass Menschen sie bedrängten und verfolgten. Dolly Partons "I Will Always Love You" sang sie, seither eine der beliebtesten Bestattungshymnen. Sie vermählte sich mit Bobby Brown. Der Sänger offenbarte Neigungen zu häuslicher Gewalt und Drogen. Damit trat ihre Karriere in die zweite, völlig andersartige Phase. Sie schlug Warnungen ihrer Familie in den Wind, brach mit der Mutter, der Cousine und der Patentante. Von Clive Davis, ihrem väterlichen Helfer, wandte sie sich ab. Konzertabsagen häuften sich, und wenn sie einen Auftritt abzusagen vergaß, vergaß sie auf der Bühne ihren Text.

1998 nahm sie ein durchaus gelungenes Album auf, "My Love Is Your Love". Whitney Houston geisterte auf Flughäfen herum. Sie ließ sich zum Entzug einweisen, um spektakulär wieder zu fliehen. Ihr Gewichtsverlust beschäftigte die Welt. 2001 verlas im Radio jemand einen Nachruf. Durststrecken wurden geschäftlich überwunden mit den immergleichen Hitsammlungen. Sie selbst raffte sich noch zu einer letzten Platte auf, "Just Whitney", einen lieblos produzierten Arbeitsnachweis. Schließlich büßte sie ihre Restwürde im Fernsehen ein. Ihr Ehemann ließ Kameras ins Haus, die Dokuserie "Being Bobby Brown" zeigte ein fluchendes und zügelloses Prominentenpaar, das nichts mehr wahr nahm als sich selbst.

Stücke von R. Kelly und Alicia Keys

Der dritte Akt des Popdramas um Aufstieg, Fall und Läuterung ist wiederum Clive Davis zu verdanken. Der inzwischen 77-Jährige nutzte seinen Erfahrungsschatz, um die Sängerin vor sich zu retten. Er bezeichnet das Comeback von Whitney Houston als sein schwierigstes Projekt. Elf Jahre nach dem letzten akzeptablen Album, sieben Jahre nach der letzten Platte kommt "I Look To You" heraus. Klang Whitney Houston in den Achtzigern, als gingen sie die Songs nichts an, singt sie heute ausschließlich Schicksals-, Überlebens- und Erbauungshymnen. Ihre Stimme hat an Tonumfang verloren, sie hört sich beschädigt und erfahren an. Aber womöglich täuscht das, weil man heute nicht allein ihrer Musik lauscht. Oder der Gesangslehrer hat es ihr einfach beigebracht, gebrochener zu singen, nicht wie in den Achtzigern, wo auch die Stimmen Oberflächen waren, leer und kalkuliert. Sie trug damals ihre Musik zu Markte, später ihre Haut und heute beides.

Es gibt neue Stücke für sie von R. Kelly, der zuletzt über ein minderjähriges Mädchen stolperte. Alicia Keys, die Reinkarnation der frühen Whitney Houston, hat ein Stück geliefert. Denn Alicia Keys und allen Mädchen, die vor Fernsehjurys Inbrunst mit Gesang und Heiserkeit mit Sinnlichkeit verwechseln, fehlt, was Whitney Houston nun im Übermaß besitzt: Erkenntnis. Pop ist zynisch. Vom gebürtigen Senegalesen Akon stammt die Lüge "Like I Never Left", und Whitney Houston singt, als glaube sie daran. Ursprünglich sollten Akons Stücke Michael Jackson zum Triumph verhelfen. Zum Comeback, der Königsdisziplin im Pop.




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