startseite news "love, whitney" archiv newsgalerie
termine
|
fans biographie galerie multimedia über die seite
|
presse Die Presse termine feedback |
|
Die Wiedergängerin Whitney Houston, die gefallene Achtzigerjahre-Ikone, zelebrierte ihr Comeback in London. Labelboss Clive Davis persönlich stellte ihr siebentes Studioalbum »I Look to You« vor – und die Diva demonstrierte ihre Fitness im engen Leopardenkleid. Quelle: Die Presse Art der Quelle: Zeitung/Online Autor: Samir H. Köck Datum: 30.08.2009 Anlass: Albumveröffentlichung am 28. August 2009 Ton: neutral Wo sind nur die Zeiten hin, als die dunkle Schönheit noch Inbegriff von Prüderie war. Unvergessen ihre Begegnung mit dem illuminierten Chansonnier Serge Gainsbourg in einer französischen TV-Show 1986. „Mein Mikro funktioniert nicht!“, grunzte er. Der Moderator übersetzte für Houston: „Er meint, Sie sind genial!“ Beim nächsten Versuch lallte Gainsbourg gleich auf Englisch: „I want to fuck you.“ Houston stand der Mund offen. Ungeklärt, ob wegen Gainsbourgs Ansinnen oder der abermals eigenwilligen Übersetzung: „Er sagt, er findet Sie großartig!“ Die heute 46-Jährige katapultierte sich ab 1985 mit glockenheller Stimme an die Spitzen der Hitparaden der ganzen Welt. Sie war erfolgreiches Model, später Filmschauspielerin. Als Jungfrau wollte sie heiraten. Das gelang zwar nicht, dennoch hatte die sittsame Hitparadenstürmerin die besten Vorsätze, als sie 1992 den R&B-Sänger Bobby Brown ehelichte. Ab da ging es bergab. Bald wurden handfeste Auseinandersetzungen zwischen den Eheleuten publik, später Kokain- und Crack-Abusus. Die Sauberfrau war endgültig gefallen. In den letzten zehn Jahren kämpfte sie um die Scheidung, das Sorgerecht für ihre Tochter und gegen ihre Drogenabhängigkeit. Für Musik war da keine Zeit. Comeback im Ballsaal. Nun wurde das hochoffizielle Comeback an einem lauen Sommerabend in London zelebriert. Im opulenten Ballsaal des Mandarin Oriental Hotels trat Whitney Houston vor die Weltpresse. Bevor es wirklich so weit war, gab Industrie-Tycoon Clive Davis ein wortreiches, mit Adjektiven gespicktes Präludium. Der 77-Jährige ist Begründer des Plattenlabels Arista, war treibende Kraft hinter den Karrieren von Houston, Janis Joplin und Alicia Keys und Stratege hinter den spektakulären Comebacks von Aretha Franklin, Rod Stewart und Santana. Lächelnd entschuldigte er sich für das „artificial setting“. Dann begann der 75-minütige Frontalunterricht. Es galt auf Houstons Comeback-Album „I Look to You“ einzuschwören. Mit schlauen Sprüchen und deftiger Lautstärke. 140 Millionen Alben hat Goldvögelchen Whitney im Laufe ihrer Karriere verkauft. Um hier anzuschließen, warf sich der berüchtigte Trickster rhetorisch voll ins Zeug. Er erzählte von seinem ersten Kontaktanruf vor drei Jahren. „Are you ready?“, fragte er. „Ready for what?“, replizierte Houston, die sich in den letzten Jahren als alleinerziehende Mutter recht wohl fühlte. Der Rückzug fiel ihr umso leichter, als ihr die aktuelle Chartsmusik nicht so recht gefällt. Zu wenig Gospel im R&B, zu viel Schlüpfrigkeit in den Texten. Derlei inhaltliche Bedenken kennt ein Clive Davis nicht. Egal, ob Schweinerock, Gangsterrap oder American-Idol-Gesäusel. Perfekt ist, was sich verkauft. Alles andere ist uninteressant. Wird sie auf den Markt passen? Dementsprechend zielgerichtet ging er das Projekt mit der neben Michael Jackson und Prince wichtigsten Ikone des US-Achtzigerjahre-Pop an. Davis beteuerte: „Wir haben sie nicht zwanghaft in den aktuellen Geschmack gepresst, aber doch überlegt: Wird sie auf den heutigen Markt passen?“ Ein Dilemma Houstons ist, dass sie nicht selbst komponiert. Darunter leidet sie. Mit professioneller Kühle liefert Davis das Gegenargument: „In dieser Hinsicht kann sie mit einigen der Besten der Popmusik assoziiert werden. Frank Sinatra hat nicht geschrieben, ebenso wenig wie Lena Horne, Aretha Franklin und Gladys Knight. Dennoch haben diese Künstler jeweils eine Ära geprägt.“ Flugs ratterte er die Eckdaten seiner Erfolgsstory mit Houston runter. Dann kommt es bei ohrenbetäubender Lautstärke zum Showdown, dem Track-by-Track-Listening. Penibel listete er sämtliche Beteiligte der Songs auf, schnippt und wippt unverdrossen dazu. Während der Opener „Million Dollar Bill“ eine wirklich passable Nummer aus der Feder von Alicia Keys ist, die nun auch als erste Single ausgekoppelt wurde, hat sich schon ab dem zweiten Song eine gewisse Lidschwere auszubreiten begonnen. War es der edle „Bubbly“, der gereicht wurde, oder lag es doch am mediokren Songmaterial? Das Gros der enttäuschend mainstreamigen Lieder sind müde dahinpluckernde R&B-Balladen, die so erbarmungslos ausproduziert sind, dass zwischen den kühlen Beats und den simplen Melodiemustern kein Leben entstanden ist. Signifikant ist auch die Veränderung im stimmlichen Spektrum der früheren Sirene. Ihre nun entschieden dunklere Stimme kennt keine jubilierenden Höhen mehr. Houston hätte die Gelegenheit nützen können, um einen wirklich neuen Karriereabschnitt zu starten. Aber statt ins Erwachsenenfach zu wechseln, sich also an Vintage-Soul oder Jazz zu versuchen, was locker in ihren künstlerischen Möglichkeiten läge, verkrampft sie sich im betont Zeitgenössischen. Besonders schmerzlich ist dies in ihrer zunächst superb anklingenden Interpretation von Leon Russells „A Song for You“. Allein zum Klavier bringt sie ihre nun beinah raue Stimme ausdrucksvoll zum Köcheln. »You are the most impossible.« Leider dematerialisiert sich dieses Songjuwel mit dem Einsetzen der primitiven Housebeats. Der Rest des Albums ist Durchschnitt aus den von Vielschreiberei abgenutzten Federn von R. Kelly, Akon und Diane Warren. Und irgendwann stand Whitney Houston dann wahrhaftig im Raum. Die wiederauferstandene Göttin war gehüllt in ein enges Leopardenmusterkleid. Sie las von einem Zettelchen ab: „I love London! It took us a while, but we did it.“ Dann bückte sie sich, Fitness demonstrierend, hob eine Streichholzschachtel auf und verabschiedete sich schon wieder: „You are the most impossible.“ Danke, gleichfalls. |
nach oben