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Als wäre es ein Stück aus Las Vegas
Liebe hilft immer: Whitney Houston und Amanda Marshall haben ein sicheres Rezept

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Art der Quelle: anerkannte Tageszeitung
Autor: Peter Kemper
Datum: 1999
Anlass: Konzert in der Frankfurter Festhalle
Ton: kritisch

'Früher faszinierte sie durch ihre hexenhafte Sinnlichkeit, heute ist Whitney
Houston eine souveräne Diva: In der Frankfurter Festhalle ließ sie sich dennoch zu einer wilden Tanzparty mitreißen.' Ihre Botschaft klingt unmissverständlich: "ich fühle mich als Sängerin, die auch Schauspielerin geworden ist - nicht umgekehrt!" Nach drei Hollywood-Produktionen in den Neunzigern, nach mehrjähriger Babypause und lange herausgezögertem neuem Soloalbum fühlt Whitney Houston sich verpflichtet, ihren Status zurechtzurücken. Noch gilt sie als makelloses Hochglanzprodukt der Musikindustrie, doch den Thron eines unangreifbaren Superstars muss sie sich erst zurückerobern. Dies dü,rfte das erklärte Ziel der laufenden Europa-Tournee sein, die jetzt auch in der Frankfurter Festhalle Station machte.

Dabei galt das ehemalige Foromodell mit der Drei-Oktaven-Stimme Mitte der Achtziger als schnellste Karrieristin der schwarzen Musik. Schon als Achtjährige in den Gospelekstasen der amerikanischen "Negro Church" gestählt, von der singenden Mutter in die Geheimnisse der Rhythm-'n'-Blues-Phrasierung eingeweiht und mit telegener Schönheit gesegnet, konnte Whitney Houston all die edlen, luxuriösen Gefühle des amerikanischen Mainstream-Pop mit ihrer Vokal-Artistik adeln. "Zum Star geboren" lautete das schon fast resignative Credo von Kolleginnen und Kollegen. Dabei wurde schon früh klar, dass man sie nur als Ausnahmesängerin bejubeln konnte, wenn man von ihrem banalen Songmaterial und dem Kitsch-Kontext ihrer Shows abstrahierte. Nicht nur zierte penetrant das magische "four-letter-word 'love'" fast jeden ihrer Hits, auch ihr tanzbarer, schnittiger Soul-Pop klang, als sei er jedes Mal sorgfältig im kommerziellen Windkanal geteste worden. Kein Wunder, dass die Kritik immer wieder die kühle, nichtssagende Perfektion ihrer Songs monierte: Black Power in der Glitzerrobe.

Auch ihr Frankfurter Konzert begann, als wäre es ein Stück aus Las Vegas. Sternenlichter blinkten, Tänzerinnen tanzten - Glamout im Überfluß. Von einer weißen Freitreppe stieg der Star gemessenen Schritts zu seinen Bühnen-Untertanen herab. Whitney Houston schien die Bewegungshektik, die um sie herum herrschte, anfänglich zu genießen. Überspielte sie doch einleitend die eigene Leblosigkeit. Von einer zehnköpfigen Band und einem vierköpfigen Backgroundchor gestützt, setzte sie zunächst routiniert auf den schmachtenden Schmelz ihrer Stimme. Er erstreckt sich über das ganze Ausdrucksspektrum und kann im besten Fall - das wurde im Konzert schnell deutlich - noch den letzten Schmachtfetzen versüßen. Die kühle Glätte ihres Gesichts unter dem sorgfältig frisierten pagenkopf zeigte anfäglich kaum Regungen. Allenfalls ein gefrorenes Lächeln, das beliebig anklickbar schien. Doch im Verlauf des konzerts ging eine wundersame Wandlung mit dem viel geschmähten "Retortenbaby" vor sich: Sobald sie als Sängerin ihre Betriebstemperatur erreicht hatte - und das war spätestens mit ihrem aktuellen Single-Hit "I Learned From The Best" der Fall -, bekam die Puppenhaftigkeit ihres Auftritts menschliche Züge. Schweißperlen rannen ihr über die Wangen, störrische Haarsträhnen wippten vor der Stirn. Endlich konnte die Sängerin die Schauspielerin Whitney Houston von der Bühne verbaschieden. Als sie dann nach kalkuliertem Garderobenwechsel ihren Klassiker "Your Love Is My Love" im engen, roten Lederkleid mit Schleppe vortanzte, entwickelte sich die aseptischen Choreographie zu einer wilden Tanzparty. Auch als die endlich befreit strahlende Sängerin mit dunklem Gospelton "Jesus Loves You" verkündete, blieb die Glaubwürdigkeit ihrer Performance erhalten. Faszinierte sie früher nicht zuletzt durch ihre hexenhafte Sinnlichkeit, so ist Whitney Houston ganz die souveräne Diva, die sich aber von ihrer eigenen Musikalität mitreißen und so zum Ausbruch aus Rollenklischees ermutigen lässt.

Was Whitney Houston erst Im Verlau des Konzerts schaffte, gelang ihrer Kollegin Amanda Marshall im Vorprogramm von der ersten Sekunde an. Sie flatterte und flog über die Bühne, hüpfte wie ein Harlekin auf der Stelle oder ließ die blond gelockte Mähne in immer neuen Pirouetten um den Kopf wirbeln. Dabei aktivierte die 26 Jahre alte Kanadierin ihren glockenhellen Sopran mit einer Beiläufigkeit, die all den hoch energetischen Songs ein Flair des Luftig-Leichten verlieh. Ihre Lieder in bester Singer-/Songwriter-Manier atmeten ein Bluesgefühl, die Texte waren in griffige Pop-Arrangements verpackt, die Begleitband sorgte für den Rock-Charakter des Auftritts: eine marktgängige Mischung. Mit "Let It Rain" hatte Amanda Marshall bereits ein Paradestück für ihre unbeschwerte Vokalkunst im Programm: Wie eine überspannte Stahlfeder beugte sie sich immer weiter nach hinten, wä,hrend der präzise Schrei aus ihrer Kehle sich stä,ndig höher schraubte. Mühelos hatte sie das Publikum in der Frankfurte Festhalle am Wickel. Viele glaubten gar, dass es sich hier um den eigentlichen Star des Konzerts handelte. Amanda Marshall schien die Gefahr eines solchen Mißverständnisses zu ahnen, als sie am Ende ihres bejubelten Auftritts für die Einzigartigkeit der nachfolgenden Whitney Houston warb.




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