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presse Frankfurter Rundschau, 1993 feedback |
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Kampf um Schönheit Kunst der Einsamkeit: Whitney Houston auf Europatournee Quelle: Frankfurter Rundschau Art der Quelle: angesehene Tageszeitung Autor: Michael Mönninger Datum: 1993 Anlass: Konzert in der Frankfurter Festhalle Ton: negativ
Der Raum ihrer Lieder ist affektiv, kaum vergellschaftet. Man singt sie mit sich selber: innere Monologe. Zwiegesprä,che mit
einem anonymen Du. Die Herkunft ihrer Musik aus dem schwarzen Kirchengesang taucht nur noch in der Anrufung einer abwesenden Instanz auf.
Statt kultischer Erregung beschwört sie die Privatreligion der Liebe. Von den ekstatischen Wechselgesängen der
Gospelgemeinde sind nur noch die chorischen Echowirkungen ihrer Background-Sänger geblieben, die die Absonderung
der Solistin noch unterstreichen. Das unterhaltungsmusikalische Phänomen Whitney Houston lebt davon, aus einer vormals
kollektiven Musikpraxis eine Kunst der Vereinzelung zu machen und aus der Trauer über die verlorene Gemeinschaft ein
Massenglück. Nicht einmal mehr für Momente tauchen bei ihrem Auftritt in der ausverkauften Frankfurter Festhalle
Erinnerungen an die Wildheit und Ausgelassenheit früherer Gospel-, Soul- und Funkkonzerte auf. Statt Rausch und Ritus
gibt es kalkulierte Innerlichkeit, statt auf körperlichen Nachvollzug setzt diese Musik auf intelletualisierte Sentimentalität.Whitney Houston, die erfolgreichste farbige Vokalistin aller Zeiten, ist längst Teil einer Musikmaschinerie, deren Organisationsgrad und Fertigungstiefe eher mit der fortgeschrittennen Automobilproduktion als mit der Komposition von traditionellem Liedgut vergleichbar ist. Aber im Gegensatz zum Totaldesign heutiger Pop-ikonen fehlt ihr die warenästhetische Aufmachung als Imagetr&aunml;ger. Seitdem die tugendhafte, überirdisch schöne, weltberühmte, umworbene und vereinsamte Sägerin in ihrem Film "Bodyguard" eine überirdisch schöne, weltberühmte, umworbene und vereinsamte Sägerin gespielt hat, fallen bei ihr Kunst und Leben zusammen. Was diese sextinische Madonna unserer tage transportiert, ist inhaltsleer und imagefrei, die Intimkunst einer frommen Seele, die auch ohne Showglanz allein mit ihrer Gesangskunst bestehen könnte. Statt ihre Studiohits kopfhörergetreu zu reproduzieren, inerpretiert sie auf ihrer neuen Europatournee ihr Songmaterial erstaunlich frei. Sie kommt im hautengen Abendkleid aus schwarzem Samt auf die Bühne, verharrt lange auf einem Barhocker und übt sich eher in Verweigerung denn Animation.Ihre Achtlosigkeit gegenüber dem Publikum, ihre fahrigen Grußadressen und Liebeserklärungen wirken arrogant. Statt sich mit einer minutiös getimten Bühnenshow zum Pausenclown zu machen, nutzt sie ihre Energie für ihren Gesang. Die Ketten ihrer überperfekten Musikarrangementszwischen Broadway und Hollywood streift sie ab und setzt in Medleys ihre Wiedererkennungsmelodien neu zusammen, dehnt und rafft die Strophen und läßt die Songs nahtlos ineinander übergehen. Mit dem Diamantschliff ihrer Drei-Oktaven-Stimme könnte sie Glas zersingen, Lahme gehen und Blinde sehen machen. Auf der nach oben immer noch offenen Intensitätsskala ihres Gesangs wechselt sie zwischen romantischem Kunstlied, süßer Ballade, Rap und Scat. Das präsentiert sie so beiläufig wie auf einer öffentlichen Probe. Mehrfach testet sie die Konzentrationsfähigkeit ihres Publikums, läßt endlos Töne stehen oder verzögert Einsätze so lange, dass einem der Atem stockt. Aber statt dass man in diesen Schrecksekunden die berühmte Stecknadel auf dem Boden fallen hören könnte, grölen und palavern die Zuschauer derartunbeirrt weitter, dass man die publikumsverachtung dieser Ausnahmesängerin verstehen kann. Im zweiten Teil des neunzigminütigen Konzertes, das durch die auffällig demonstrative Vorstellung ihres Ehemannes unterbrochen wird, kehrt sie im Minirock über glitzernden Stretchanzug zurück und stellt ihre elfköpfige Band vor. Auch diese Aktion geschieht spannungslos und ohne erkennbare Dramaturgie, gewährt aber in der Konfrontation von Stimme und Instrument eine schockierende Einsicht: dass jegliche Instrumetalkunst immer nur Prothese, Organ-Ersatz bleibt und der archaischen Direktheit und Durchschlagskraft der Stimme hoffnungslos unterlegen ist. Wenngleich Whitney Houston auch ohne den Farbenreichtum ihres volltechnisierten Klangkörpers bestehen könnte, muss man den Erfindern, Produzenten und Darbietern dieser Sound-Architektur vor und hinter der Bühne höchsten Respekt zollen. Sie sind wahrhaftig Konstrukteure von etwas, was in der Natur und der bisherigen Musikgeschichte nicht vorkommt. Sie schaffen gleichsam holographische Klänge, dreidimensionale Durchblicke auf jedes Instrument, das in jeweils völlig eigenen Tonrämen agiert. Sie erzeugen nahe und ferne, geschlossene und offene Klänge, deren Staffelung und Durchdringungen die herkömmliche raumzeitliche Geschlossenheit jeder natürlichen Akustik sprengen. Wenn diese Raumerweiterungsmusik erklingt, ist plötzlich Platz auch in der kleinsten Hütte. In der Akustikhölle der riesigen Frankfurter Festhalle erzeugt diese Musik allerdings den umgekehrten Effelt der Verzwergung von Solistin und Band. Doch man kann sich gar nicht satt hören an diesen digitalisierten Unterwasser- und Hochgebirgsklängen, diesem Zuckerguß mit Samt und Seide, den den Festglanz von Christmas-Glocken, Kristallflocken, Bläserchö,ren und Engelshaar verströmt. Mit Hilfe des Meisterkomponisten Michael Masser, der selbst aus schlichtem Materialhymnische Wundermelodien erzeugt wie einst nur Schubert oder Schumann, hat diese Musik eine fast mythische Perfektion und Eindringlichkeit, ein Sein ohne Werden, dem man völlig wehrlos ausgeliefert ist. Dass diese Musik von Bielefeld bis Borneo die Teenager, die Leute über vierzig und vor allem die generation dazwischen gleichermaßen anspricht, macht sie zum zivilisatorischen Summensignal des ausgehenden Jahrhunderts. Gerade in dieser Künstlichkeit, in der nichts Authentisches mehr ist und die von allen Zufälligkeiten gereinigt wurde, bewegt sich die Sängerin um so lebendiger. Zum Abschied singt sie den zauberhaft renovierten Dolly-Parton-Song "I will always love you". Wenn der Wunsch nach Schönheit nichts als Selbstdarstellung und sozialer Rangkampf ist, dann hat man gerade die hinreißendste Variante des Wettstreites jeder gegen jeden und Gott gegen alle gehört. |
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